Das aufregende dreckige Leben

Premiere für das Musical "rent"

ff Lüneburg. Rocksongs komponieren, statt sich durch Akten zu quälen, in einem coolen Loft und nicht in einer engen Dachwohnung leben, den Tag dem eigenen Rhythmus anpassen, zuschauen, wie sich das Volk morgens ins Büro, zur Werkbank oder zum Fließband schleppt: Freiheit von den bürgerlichen Zwängen, das ist eine feine Sache. Leider gehört auch die Freiheit dazu, gänzlich unheroisch vor die Hunde zu gehen. Darum dreht sich das Musical "rent", ein Longseller am Broadway, in Deutschland vergleichsweise wenig bekannt. Das Lüneburger Ensemble "MusicaLaune" entdeckte es für sich, feierte jetzt Premiere in der Aula der Herderschule.

La BohÉme goes West-Side-Story: "Rent" erzählt von jungen New Yorkern, die in einer leer stehenden Fabrik leben und nun plötzlich Miete zahlen sollen. Keiner hat Geld, alle haben Probleme. Mark (Axel Raatz) ist ein unbekannter Filmemacher, der dauernd mit einer Kamera herumrennt, eine Dokumentation über die schräge Szene drehen will. Dazu gehören zum Beispiel der Rockmusiker Roger (Jan-Peter Gaetcke) und die drogenabhängige Stripperin Mimi (Bianca Stüben), beide kämpfen gegen das Aidsvirus. Der Transvestit Angel (Pascal Jounais) und sein Freund Tom (Sami Mußbach) müssen sich gegen die Intoleranz ihrer Umwelt behaupten; Maureen (Marina Mylnikow) und Joanne (Dana Zich) sind ein schwieriges Pärchen, das sich ewig anzickt. Benny (Matthias Stelling) hat alle gegen sich -- er ist der Vermieter des Gebäudes.

Obwohl erst 1996 am Broadway uraufgeführt und inzwischen als Drama sogar mit einem Pulitzerpreis ausgezeichnet, hat "rent", das geht heutzutage eben schnell, ein wenig Staub angesetzt: Dass Aids tödlich ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Homosexuelle müssen sich zum Glück nicht mehr verstecken in einem Land, in dem die Regierenden Bürgermeister der beiden größten deutschen Städte schwul sind und daraus keinen Hehl machen. Und die Lofts in New York (wie auch in anderen Metropolen) sind längst luxussaniert.

Aber das Underground-Musical will nicht unbedingt aufklären, sondern sein Publikum fröhlich und traurig stimmen. Der Show-Motor lief zweieinhalb Stunden (reine Spielzeit) ohne Aussetzer auf Hochtouren, immer war etwas zu sehen, zu hören, zu bestaunen. Das Ensemble, eine hochambitionierte Amateur-Truppe mit einiger Erfahrung, trieb die Handlung(en) zügig voran -- wer wirklich immer durchblicken will, schaut ins Programmheft. Das Bühnenbild, eine variable Innen-Außen-Situation, ist intelligent gemacht. Dazu gehört auch, dass die vierköpfige Rockband, in einem halbtransparenten Raum sitzend, mitunter zu sehen war. Überhaupt war der Produktion all die Arbeit und die Liebe anzumerken, die darin steckt. Apropos Musik: Da gibt es für die weiblichen Hauptrollen die schöneren, eindrucksvolleren Passagen, Mimi und Maureen setzten sich entsprechend in Szene.

Langer Applaus, Jubel bei der Premiere. Am Broadway wird "rent" nach mehr als 5000 Vorstellungen nun in einigen Monaten abgesetzt. Die Lüneburger Version von Lorenz Mehl (Regie), Daniel Blank (musikalische Leitung) und Bianca Stüben (Gesamtleitung) ist noch zwei Mal in der Ilmenauhalle Bienenbüttel zu sehen, am 4. und 5. April, jeweils 20 Uhr.

Landeszeitung vom 31.03.08

URL: http://www.landeszeitung.de/start.phtml?fdat=result&idx=463005

 

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